Europas Nachtzüge erhalten ein modulares Redesign

Das deutsch geführte Projekt ALISA stellt auf der InnoTrans 2026 ein modulares Doppelstock-Nachtzugkonzept vor, das mehr Kapazität mit flexibleren Innenräumen und Leichtbau verbinden soll.
Ein deutsch geführtes Forschungsprojekt hat ein neues Konzept für Europas Nachtzüge vorgestellt, das höhere Fahrgastkapazität mit größerer Flexibilität und einer effizienteren Nutzung des Rollmaterials verbinden soll. Das Projekt ALISA, das auf der InnoTrans 2026 in Berlin präsentiert wurde, schlägt einen leichten Doppelstockzug mit modularem Innenraum vor, der sich an unterschiedliche Fahrgast- und Streckenanforderungen anpassen lässt. Das Konzept soll einige der strukturellen Herausforderungen adressieren, die den Ausbau des Nachtverkehrs auf der Schiene in Europa begrenzt haben, darunter hohe Betriebskosten, begrenzte Kapazität und der intensive Einsatz spezialisierter Schlafwagen.
Das Projekt wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit TRICON, GETA, satek und k+v entwickelt. Seine Grundformation besteht aus drei fest gekuppelten Doppelstockwagen mit einer Gesamtlänge von rund 46 Metern. Mehrere solcher Einheiten könnten zusammengekuppelt werden, sodass Betreiber die Länge eines Zuges je nach Nachfrage, Streckenmerkmalen oder Jahreszeit anpassen können. Das Projekt ist derzeit ein Forschungskonzept und kein produktionstauglicher Zug; die Partner präsentieren Modelle und Innenraumabschnitte in Originalgröße, um die vorgeschlagene Architektur zu veranschaulichen.
Ein anderer Ansatz für die Wirtschaftlichkeit von Nachtzügen
Eines der Hauptziele von ALISA ist es, die Wirtschaftlichkeit des Nachtverkehrs auf der Schiene zu verbessern, indem mehr Kapazität innerhalb der verfügbaren Lichtraumprofile und Achslastgrenzen bereitgestellt wird. Das DLR erklärt, das Konzept könne rund 40 % mehr Fahrgäste aufnehmen als die neueste Generation der Nightjet-Züge der ÖBB, und das bei gleicher Achslast. Der Vergleich ist Teil der Forschungsbewertung des Projekts und stellt keine bestätigte Spezifikation für einen künftigen Serienzug dar.
Der Fokus auf Kapazität spiegelt eine der grundlegenden Herausforderungen europäischer Nachtzugverbindungen wider. Schlafabteile benötigen pro Fahrgast deutlich mehr Platz als herkömmliche Sitzplätze am Tag, während Nachtzüge traditionell vor allem in der Nacht verkehren und einen erheblichen Teil des Tages entweder stillstehen oder für den nächsten Einsatz vorbereitet werden. ALISA will beide Probleme angehen, indem eine kompaktere Raumausnutzung mit Innenräumen kombiniert wird, die sich zwischen verschiedenen Betriebsarten umbauen lassen.
Das Projekt behandelt den Nachtzug daher nicht einfach als eine Ansammlung von Schlafwagen, sondern als flexible Fahrgastplattform. Verschiedene Abschnitte könnten herkömmliche Sitze, Ruhesitze, private Kabinen oder Familienabteile aufnehmen, während einige Bereiche für Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität angepasst werden könnten. Damit könnten Betreiber das Verhältnis zwischen den verschiedenartigen Unterbringungsformen je nach den Merkmalen einzelner Strecken verändern.
Doppelstockarchitektur und modulare Innenräume
Die Nutzung von zwei Fahrgastdecks ist zentral für das Konzept, weil sie zusätzliche Kapazität schafft, ohne einen längeren Zug zu erfordern. Zugleich muss der Entwurf die technischen Grenzen überwinden, die sich aus den unterschiedlichen Lichtraumprofilen und Infrastrukturstandards in Europa ergeben. Das DLR hat daher eine leichte Fahrzeugstruktur und ein Einzelrad-Fahrwerk entwickelt, um den verfügbaren Raum effizienter zu nutzen.
Die vorgeschlagenen Züge sollen zudem über einen durchgehenden Fahrgastdurchgang auf beiden Ebenen verfügen. Dies soll die Bewegung im Zug verbessern und zugleich eine effizientere Nutzung der verfügbaren Grundfläche ermöglichen. Die aus drei Wagen bestehenden Einheiten könnten dann zu längeren Formationen kombiniert werden, sodass Betreiber ein modulares System erhalten, statt für jede Strecke einen eigenen Zugentwurf zu benötigen.
Das modulare Prinzip gilt auch für die Fahrgastabteile. Der vorgeschlagene Innenraum umfasst mehrere Unterbringungsarten, von Standardsitzen und Ruheanordnungen bis hin zu Einzel- und Doppelkabinen, Familienabteilen sowie für Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität angepassten Bereichen. Statt eine einheitliche Zugkonfiguration im gesamten Netz zu betreiben, könnten Betreiber die Zusammensetzung des Zuges potenziell an die erwartete Nachfrage auf einer bestimmten Verbindung anpassen.
Leichtbau ist zentraler Bestandteil des Entwurfs
Ein Doppelstockzug mit privaten Schlafabteilen würde normalerweise zusätzliches Strukturmaterial und damit zusätzliches Gewicht erfordern. ALISA legt deshalb großen Wert auf Leichtbau: Die Forschenden haben die tragende Struktur neu gestaltet, sodass Material dort konzentriert wird, wo größere Kräfte wirken, während weniger kritische Abschnitte leichter ausgeführt werden können.
Das Projekt hat zudem den Mehrwerkstoffbau untersucht, darunter Sandwichstrukturen mit Aluminiumaußenlagen und leichten Wabenkernen. Elemente wie Kabelschächte und Innenausbauten können in die Struktur integriert werden, statt als separate Bauteile hinzuzukommen. Ziel ist es, das Fahrzeuggewicht zu reduzieren und zugleich die für den Personenverkehr auf der Schiene erforderliche Festigkeit und Sicherheit zu erhalten.
Eine Gewichtsreduzierung könnte über die Konstruktion des Fahrzeugs selbst hinaus wirken. Eine geringere Masse kann den Energieverbrauch, die Achslasten und die Möglichkeit beeinflussen, einen kapazitätsstarken Zug innerhalb bestehender Infrastrukturgrenzen zu betreiben. Für ein europäisches Nachtzugnetz, das über mehrere nationale Bahnsysteme hinweg verkehren müsste, sind diese Faktoren besonders relevant.
Von Schlafplätzen zur Tagesnutzung
Ein weiteres Element des ALISA-Konzepts ist die Möglichkeit, Teile des Zuges tagsüber anders zu nutzen. Einige Schlafbereiche sind auf Umbaukmechanismen ausgelegt, die sich in Sitzanordnungen verwandeln lassen. Damit könnte dasselbe Rollmaterial mehr als eine Art von Verkehrsangebot unterstützen, statt fast ausschließlich für Nachtfahrten bestimmt zu sein.
Der Ansatz soll die Auslastung teuren Rollmaterials verbessern. Herkömmliche Schlafwagen verbringen einen großen Teil ihres Betriebszyklus damit, Fahrgästen während eines relativ begrenzten Teils des Tages Unterkunft zu bieten, während Tages-Intercityzüge über einen viel längeren Zeitraum Fahrgastkapazität erzeugen können. Die Forschenden von ALISA untersuchen, ob ein flexiblerer Innenraum diesen Unterschied verringern könnte, ohne die Privatsphäre und den Komfort aufzugeben, die von Nachtfahrten erwartet werden.
Das Projekt nutzte Virtual-Reality-Werkzeuge und Mock-ups in Originalgröße, um die vorgeschlagenen Anordnungen vor der Entwicklung eines vollständigen Zuges zu testen. Die Partner untersuchten verschiedene Kabinenlayouts, Fahrgastströme und Innenraumkonfigurationen mit dem Ziel, erhöhte Kapazität mit einem für Nachtfahrten geeigneten Komfortniveau zu verbinden.
Ein mögliches Modell für Europas wachsendes Nachtzugnetz
Das Projekt ALISA kommt zu einer Zeit, in der das europäische Interesse am Nachtverkehr auf der Schiene gewachsen ist: Betreiber erweitern oder reaktivieren internationale Nachtzugverbindungen als Reaktion auf die Nachfrage nach Alternativen zum Kurzstreckenflugverkehr. Die Ausweitung solcher Angebote hängt jedoch nicht nur von der Fahrgastnachfrage ab, sondern auch von der Verfügbarkeit geeigneten Rollmaterials, von Infrastrukturkapazitäten und von kommerziell tragfähigen Betriebsmodellen.
ALISA befasst sich in erster Linie mit der Herausforderung des Rollmaterials. Die modulare Architektur könnte Betreibern ermöglichen, die Zugkapazität zu erhöhen oder zu verringern, ohne für verschiedene Strecken völlig unterschiedliche Fahrzeuge zu entwickeln. Eine stark nachgefragte internationale Verbindung könnte mehrere Dreiwageneinheiten nutzen, während eine schwach nachgefragte oder saisonale Strecke mit einer kürzeren Formation betrieben werden könnte.
Das Konzept versucht zudem, das Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre der Fahrgäste und wirtschaftlicher Effizienz aufzulösen. Private Kabinen bieten ein deutlich anderes Produkt als herkömmliche Sitzplätze im Zug, beanspruchen aber auch mehr Platz pro Fahrgast. Indem verschiedene Unterbringungsarten in einem modularen System kombiniert werden, will ALISA den Betreibern mehr Flexibilität dabei geben, wie viel Raum auf die einzelne Kategorie entfällt.
Vom Forschungskonzept zum Serienzug
ALISA ist noch kein Serienzug, und es gibt keine Hinweise darauf, dass der vorgeschlagene Entwurf in seiner derzeitigen Form in den Fahrgastbetrieb gehen wird. Die Projektpartner präsentieren ein Modell der vollständigen Dreiwageneinheit im Maßstab 1:10 zusammen mit Abschnitten ausgewählter Abteile in Originalgröße und einer Virtual-Reality-Demonstration. Weitere Ingenieursarbeit, Zulassung, Finanzierung und industrielle Entwicklung wären erforderlich, bevor ein solches Konzept zu einsatzfähigem Rollmaterial werden könnte.
Das Projekt veranschaulicht dennoch, wie sich die europäische Bahnforschung der nächsten Generation von Nachtverbindungen nähert. Statt einfach traditionelle Schlafwagenlayouts zu reproduzieren, kombiniert ALISA höhere Kapazität, Leichtbau, modulare Zugformationen und umbaubare Innenräume, um die Wirtschaftlichkeit des Nachtverkehrs zu verbessern.
Sollten Elemente des Entwurfs irgendwann in die Serienproduktion gelangen, könnte der Ansatz europäischen Betreibern eine anpassungsfähigere Art von Rollmaterial für internationale Nachtverbindungen bieten. Vorerst bleibt ALISA ein Forschungsprojekt, doch sein Fokus spiegelt einen breiteren Wandel im europäischen Schienenverkehr hin zu Zügen wider, die sich nach der Nachfrage konfigurieren lassen, statt um ein einziges festes Betriebsmodell herum gebaut zu werden.
Quellen: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Railway Gazette
